Selbstfürsorge statt Selbstoptimierung
- alexandrasteinlg
- vor 7 Stunden
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Der Trend zur Selbstoptimierung
Kaum ein Begriff prägt unsere Zeit so stark wie „Selbstoptimierung". Fitness-Tracker zählen Schritte und Schlafphasen, Apps versprechen mentale Höchstleistung, Ratgeber predigen die perfekte Morgenroutine. Die Botschaft: Wer sich nur genug anstrengt, kann sich immer weiter verbessern – körperlich, mental, beruflich.
Diese Kultur der ständigen Leistungssteigerung hat einen hohen Preis. Viele Menschen fühlen sich erschöpft, nie „gut genug", ständig im Wettbewerb mit sich selbst. Der eigene Körper und die eigene Psyche werden zu einem Projekt, das nie fertig wird.
Selbstfürsorge als Gegenentwurf
Selbstfürsorge ist etwas anderes als Selbstoptimierung. Während Optimierung immer nach „mehr" und „besser" fragt, fragt Selbstfürsorge: „Was brauche ich gerade wirklich?" Es geht um Achtsamkeit, um Grenzen, um das Recht, auch einmal nicht perfekt zu funktionieren.
Doch schnell entsteht eine Falle: Auch Selbstfürsorge kann zum nächsten Optimierungsprojekt werden – zur To-do-Liste, die man „richtig" abarbeiten muss. Hier hilft ein Blick auf die systemische Sichtweise, wie sie besonders von Bert Hellinger geprägt wurde.
Die Systemik nach Bert Hellinger – einfach erklärt
Bert Hellinger, bekannt durch die Methode der Familienaufstellung, ging davon aus, dass jeder Mensch Teil eines größeren Systems ist – vor allem der eigenen Familie, über mehrere Generationen hinweg. Nach seiner Auffassung wirken in diesem System bestimmte unsichtbare „Ordnungen", die er die „Ordnungen der Liebe" nannte. Drei Grundprinzipien stehen dabei im Mittelpunkt:
1. Zugehörigkeit – Jeder darf dazugehören
Jedes Mitglied eines Familiensystems hat laut Hellinger ein Recht darauf, dazuzugehören – auch schwierige, vergessene oder ausgeschlossene Familienmitglieder (zum Beispiel ein früh verstorbenes Kind, ein Familienmitglied mit einer schweren Lebensgeschichte oder jemand, über den nicht gesprochen wird). Wird jemand aus dem System ausgeschlossen oder vergessen, kann es laut Hellinger sein, dass spätere Generationen dieses Schicksal unbewusst „nachtragen" – etwa durch eigene Erschöpfung, Ängste oder das Gefühl, nie genug zu leisten.
2. Ordnung – Jeder hat seinen Platz
Hellinger beschreibt eine natürliche Rangfolge in Familien: Die Älteren kommen vor den Jüngeren, die Eltern vor den Kindern. Wird diese Ordnung durcheinandergebracht – wenn zum Beispiel ein Kind sich für die Sorgen der Eltern verantwortlich fühlt oder deren Last „tragen" möchte –, entsteht laut Hellinger ein innerer Druck. Selbstfürsorge bedeutet aus dieser Sicht auch, den eigenen Platz im System anzuerkennen und nicht die Verantwortung für Dinge zu übernehmen, die einem gar nicht zustehen.
3. Ausgleich – Geben und Nehmen im Gleichgewicht
In Beziehungen und Familien braucht es laut Hellinger ein Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen. Wer immer nur gibt und nie annimmt, gerät irgendwann aus der Balance – ein Muster, das viele Menschen in der Selbstoptimierung wiederfinden: endloses Leisten, ohne sich selbst etwas zurückzugeben.
Was bedeutet das für die Selbstfürsorge?
Aus der Sicht Hellingers ist Erschöpfung oder das Gefühl, nie genug zu sein, oft kein rein persönliches Problem, sondern kann mit unsichtbaren Bindungen innerhalb der eigenen Familie zusammenhängen. Für die Praxis lassen sich daraus einfache Leitgedanken ableiten:
Den eigenen Platz einnehmen: Nicht die Aufgaben, Sorgen oder das Schicksal anderer Familienmitglieder übernehmen, sondern das eigene Leben leben.
Loyalität erkennen: Manchmal steckt hinter übertriebenem Leistungsdruck eine unbewusste Treue zu Eltern oder Großeltern, die selbst nie „genug" sein durften. Diesen Zusammenhang zu erkennen, kann entlasten.
Nehmen erlauben: Genau wie Geben braucht auch das Annehmen Übung – Unterstützung, Ruhe und Hilfe anzunehmen, statt immer nur zu funktionieren.
Respekt vor der eigenen Herkunft: Wer seine Eltern und Vorfahren so annehmen kann, wie sie waren – mit ihren Stärken und Schwächen –, steht laut Hellinger innerlich stabiler und muss sich weniger beweisen.
Ruhe statt Rechtfertigung: Wer seinen Platz im System kennt, muss sich nicht ständig optimieren, um dazuzugehören. Zugehörigkeit ist da – unabhängig von Leistung.
Fazit
Selbstfürsorge statt Selbstoptimierung bedeutet aus der Perspektive Bert Hellingers, sich selbst nicht als einsames Projekt zu betrachten, sondern als Teil eines größeren familiären Systems mit eigenen Ordnungen. Erschöpfung und das Gefühl, nie genug zu sein, können Hinweise auf unsichtbare Verstrickungen sein – auf Lasten, die eigentlich nicht dem eigenen Platz gehören. Wer diese systemischen Zusammenhänge erkennt, muss sich weniger optimieren und darf stattdessen einfach dazugehören – so, wie er oder sie ist.
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